Artenvielfalt aus Tradition

Natur braucht Lebensraum und Ungestörtheit.

In Bayern hat das "Volksbegehren Artenvielfalt" mit seinem populären Untertitel "Rettet die Bienen!" im Jahr 2019 einen großen Erfolg feiern können. Seitdem ist dieses Thema in aller Munde. Offenbar ist das Bienensterben, das bei ungebremstem Fortschreiten dramatische Folgen für die landwirtschaftliche Produktion weltweit haben wird, ein Alarmsignal, das viele Bürger wachgerüttelt hat.

Plötzlich ist es modern, die Bienen zu retten und mit ihnen viele weitere Arten, die u. a. durch die industrialisierte Landwirtschaft der letzten Jahrzehnte immer mehr von der Bildfläche verschwinden. Es ist still geworden auf den Wiesen und auf den Feldern und es ist leer geworden in der Luft. Und weil es wohl leider erst soweit kommen musste, wird die Artenvielfalt oder Biodiversität, wie man wissenschaftlich dazu sagt, nun plötzlich als Wert erkannt. Oft erkennen ja die Menschen den Wert einer Sache erst durch ihren Verlust.

Plötzlich wird also Verschwindendes oder bereits Verschwundenes als solches wahrgenommen und das ruft in weiten Teilen der Bevölkerung Sorge hervor. Diese Bevölkerung ist gleichzeitig auch Wahlvolk, weshalb das Thema erstaunlich widerstandslos von der Politik aufgegriffen wird. Selbst die bayerische Staatsregierung, die bei Projekten auf der grünen Wiese fast immer der Wirtschaft den Vorrang vor Pflanzen und Tieren gab und sogar vor geschützten Arten nicht Halt machte, scheint nun die Wichtigkeit der Artenrettung erkannt zu haben und will handeln.

Bitte nicht falsch verstehen - das ist gut und das ist richtig! Aber dass das Artensterben eng mit dem Verschwinden von naturnahen Lebensräumen verknüpft ist, sollte eigentlich keine neue Erkenntnis sein. Nicht nur dünger- und pestizidgeprägte Intensivlandwirtschaft sowie geschwürartige Bautätigkeit bedrohen die Insekten und den Artenreichtum, sondern auch eine zu intensive Pflege öffentlicher Grünflächen und eine immer naturfernere private Gartengestaltung. Pflanzenexoten aus dem Baumarkt, akkurat gemähte Rasenflächen oder Steinwüsten mit "Gabionenflair" bieten unseren einheimischen Tieren schlicht weder Lebensraum noch Nahrung.

Und weil dies alles für mich schon immer auf der Hand lag und dieser ganze Modernisierungswahn total gegen mein Gefühl und auch gegen mein ästhetisches Empfinden geht, bewirtschafte ich unser 6 Hektar großes Grundstück bis heute so, wie wir es seit Generationen bewirtschaftet haben. Mit einem erheblichen Zeitaufwand für Pflege, mit alten Geräten und mit viel Handarbeit. Ich liebe unseren kleinen Hatz-Bulldog, mit dem ich die Wiesen sorgsam mähe. Das Bio-Heu wird verkauft und der andere Teil der Grünflächen wird extensiv beweidet, unsere Moorwiese zum Beispiel mit einer alten Schafrasse.

Die ganze Arbeit ist zweifellos mühsam, aber eben auch sehr viel schonender für die Natur, die mir all die Mühe mit einem unbändigen Reichtum an Flora und Fauna dankt. Hier bei uns sieht man sie noch, die "Gaukler der Lüfte", viele verschiedene Schmetterlingsarten und deren Raupen, die sich auf unseren ungedüngten und erst spät im Jahr gemähten Wiesen ungestört fortpflanzen können und dort ihre Nahrungspflanzen finden. Ebenso wie unzählige weitere Insektenarten und mit ihnen Spinnen, Vögel, Lurche, Kriechtiere usw., die allesamt von dieser Art der extensiven Landbewirtschaftung und vom kleinteiligen Strukturreichtum auf unserem Grundstück profitieren.

Natur braucht Lebensraum und Ungestörtheit. Für mich als Bauerntochter, die sehr geerdet und naturverbunden aufgewachsen ist, ist dies eine Binsenweisheit. Mein Gespür für Natur und meine Liebe zu ihr haben mich bis heute die großartige Artenvielfalt um uns herum behutsam bewahren lassen. Gebot der Stunde ist für mich persönlich also nicht "Rettet die Bienen!", sondern "Weitermachen wie bisher!", aus vollster Überzeugung.

Ihre Ingrid Haidl-Madl

 

Haidl-Madl Umgebung